Eine der größten Kryptomigrationen der IT-Geschichte
Seit der NIST im August 2024 die ersten drei Post-Quanten-Kryptographiestandards (FIPS 203, 204 und 205) offiziell verabschiedete, läuft die Uhr. Zwei Jahre später zeigt sich: Die meisten Unternehmen haben begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen – aber die wenigsten haben ihre Systeme bereits migriert. Dabei wird der Zeitdruck größer, denn Quantencomputer-Durchbrüche häufen sich, und das Angriffsszenario „Harvest Now, Decrypt Later" ist längst keine Theorie mehr.
Dieser Artikel erklärt, was IT-Security-Teams 2026 wissen müssen, welche Schritte konkret anstehen und warum ein strukturiertes, schrittweises Vorgehen die einzig praktikable Strategie ist.
Was Post-Quanten-Kryptographie bedeutet
Klassische asymmetrische Kryptographie – RSA, ECDH, ECDSA – basiert auf mathematischen Problemen, die für klassische Computer unlösbar schwer sind: Primfaktorzerlegung und der diskrete Logarithmus. Ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer könnte diese Probleme mit dem Shor-Algorithmus in polynomieller Zeit lösen und damit RSA-2048 und elliptische Kurven brechen.
Post-Quanten-Kryptographie (PQC) bezeichnet kryptographische Verfahren, die auch gegenüber Quantencomputern sicher bleiben. Die finalisierten NIST-Standards bauen auf drei unterschiedlichen mathematischen Grundlagen:
- ML-KEM (FIPS 203): Gitterbasierter Schlüsselaustausch (Kyber) als Ersatz für ECDH und RSA-Schlüsselaustausch
- ML-DSA (FIPS 204): Gitterbasierte digitale Signaturen (Dilithium) als Ersatz für RSA-Signaturen und ECDSA
- SLH-DSA (FIPS 205): Hash-basierte Signaturen (SPHINCS+) als konservative Alternative für Szenarien, die maximale Langzeitsicherheit erfordern
Ein vierter Standard, FN-DSA (FIPS 206, basierend auf Falcon), für gitterbasierte Signaturen wurde Anfang 2025 ergänzt und bietet besonders kompakte Signaturgrößen für ressourcenbeschränkte Umgebungen.
Das Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriffsszenario
Das Kernproblem ist zeitlich verschoben: Ein Angreifer muss heute noch keinen funktionierenden Quantencomputer besitzen, um jetzt eine reale Bedrohung darzustellen. Staatliche Akteure und gut ausgestattete Angreifer sammeln bereits heute verschlüsselten Netzwerkverkehr – TLS-Sessions, verschlüsselte E-Mails, VPN-Verbindungen – und speichern ihn, um ihn später zu entschlüsseln, wenn Quantencomputer dazu in der Lage sind.
Für Daten mit langer Geheimhaltungspflicht ist das keine hypothetische Bedrohung mehr. Patientendaten, Staatsgeheimnisse, langfristige Vertragsdetails und proprietäre Forschungsergebnisse, die heute über klassisch verschlüsselte Kanäle übertragen werden, könnten in fünf bis zehn Jahren kompromittiert sein.
Stand der Quantencomputer-Entwicklung 2026
IBM, Google, Microsoft und spezialisierte Startups wie PsiQuantum und IonQ haben in den letzten Jahren messbare Fortschritte erzielt. Googles Willow-Chip demonstrierte Ende 2024 einen bedeutenden Durchbruch bei der Quantenfehlerkorrektur. Microsoft gab im Februar 2025 bekannt, mit topologischen Qubits einen neuen Ansatz zur Qubit-Stabilisierung entwickelt zu haben.
Kryptographisch relevante Quantencomputer – sogenannte CRQCs (Cryptographically Relevant Quantum Computers) mit ausreichend fehlerkorrigierten logischen Qubits – gelten Stand August 2026 noch nicht als vorhanden. Die Schätzungen, wann ein CRQC existieren könnte, schwanken zwischen 5 und 15 Jahren. Genau dieser Unsicherheitsbereich macht Vorbereitung heute obligatorisch: Keine Organisation kann eine vollständige Kryptomigration in wenigen Monaten durchführen.
Was IT-Security-Teams 2026 konkret tun sollten
Schritt 1: Kryptographische Bestandsaufnahme
Der erste und wichtigste Schritt ist eine vollständige Erfassung aller kryptographischen Vorgänge in der eigenen Infrastruktur. Wo werden RSA- oder EC-Schlüssel eingesetzt? Welche TLS-Versionen und Cipher Suites sind aktiv? Gibt es Code-Signing-Prozesse, VPN-Gateways, SSH-Zugang, Hardware Security Modules oder eine interne PKI? Für größere Umgebungen bieten Tools wie Cryptosense, IBM Quantum Safe Advisor oder Open-Source-Scanner wie crypto-detector eine automatisierte Erkennung.
Schritt 2: Kryptoagilität herstellen
Kryptoagilität bedeutet, die eigene Infrastruktur so aufzubauen, dass kryptographische Algorithmen austauschbar sind – ohne Architekturneubauten. Das erfordert klare Abstraktion: keine fest kodierten Algorithmusnamen im Anwendungscode, sondern konfigurierbare Krypto-Backends. Wer heute neue Systeme entwirft, sollte PQC-Algorithmen von Anfang an einplanen.
Schritt 3: Hybride Verfahren als Übergangsweg
Die praktische Empfehlung für 2026 lautet: hybride Kryptographie. TLS 1.3 unterstützt bereits hybride Schlüsselaustauschmethoden, die klassisches ECDH mit ML-KEM kombinieren. Mozilla, Cloudflare und Chrome haben X25519Kyber768 bereits breit ausgerollt. Für Unternehmensanwendungen bedeutet das: TLS-Bibliotheken wie OpenSSL 3.x oder BoringSSL aktuell halten, die PQC-Support bereits mitbringen, und hybride Cipher Suites wo möglich aktivieren.
Schritt 4: PKI und Zertifikatsketten migrieren
Eine der komplexesten Aufgaben ist die PKI-Migration. Stammzertifikate, Intermediate-CAs und ausgestellte Endentitätszertifikate müssen schrittweise auf PQC-Algorithmen umgestellt werden. Certificate Authorities beginnen, ML-DSA-basierte Zertifikate anzubieten. Die Migration muss mit Bedacht geplant werden, da Zertifikatsketten während der Übergangsphase in beide Richtungen kompatibel sein müssen.
Schritt 5: Regulatorische Anforderungen beobachten
Das BSI empfiehlt deutschen Behörden und Betreibern kritischer Infrastrukturen bereits heute den strukturierten Einstieg in PQC-Planung. Die USA haben über das CNSA 2.0-Programm konkrete Fristen für Bundesbehörden und Defence-Auftragnehmer festgelegt. Für regulierte Branchen wie Finance, Healthcare und kritische Infrastruktur sind verbindliche Anforderungen in den nächsten Jahren absehbar.
Prioritäten setzen: Was zuerst migrieren?
Nicht alle Systeme haben dieselbe Migrationsdringlichkeit. Eine risikoorientierte Priorisierung orientiert sich an der Sensitivität und der erwarteten Lebensdauer der Daten:
- Höchste Priorität: Langlebige, hochsensible Daten – Gesundheitsakten, Finanzdaten, geistiges Eigentum, strategische Pläne. Diese sind durch Harvest-Now-Decrypt-Later aktuell gefährdet.
- Hohe Priorität: TLS-geschützte Verbindungen zu externen Diensten und APIs – hybride Cipher Suites bieten hier schnelle Abhilfe mit minimalem Aufwand.
- Mittlere Priorität: Code-Signing-Infrastruktur, interne PKI, SSH-Zugang zu Produktivsystemen.
- Niedrigere Priorität: Kurzlebige Sitzungen und interne Kommunikation mit geringer Sensitivität und kurzer Datenhaltung.
Bezug zu Monitoring und Zertifikatsüberwachung
Für Teams, die Certificate-Monitoring einsetzen, ergibt sich eine praktische Frage: Erkennen bestehende Monitoring-Lösungen PQC-basierte Zertifikate korrekt und können sie deren Gültigkeit valide prüfen? Beim Umstieg auf ML-DSA-Zertifikate in der eigenen PKI sollte geprüft werden, ob Monitoring-Plattformen die neuen Algorithmen bereits unterstützen und Ablaufzeiten korrekt auslesen.
Gleiches gilt für DNS-Monitoring und DNSSEC: ML-DSA-Signaturen in DNSSEC sind deutlich größer als klassische RSA- oder ECDSA-Signaturen, was sich auf Antwortgrößen und Monitoring-Schwellwerte auswirken kann.
Fazit: Jetzt handeln, bevor der Zeitdruck entsteht
Post-Quanten-Kryptographie ist kein Zukunftsprojekt mehr. Die NIST-Standards sind finalisiert, erste produktive Implementierungen laufen, und Angreifer sammeln schon heute Daten für spätere Entschlüsselung. IT-Security-Teams, die 2026 mit der strukturierten Planung beginnen, sind nicht frühzeitig dran – sie sind gerade noch rechtzeitig dran.
Der wichtigste erste Schritt ist eine vollständige kryptographische Bestandsaufnahme, gefolgt von einer risikobewerteten Migrationsstrategie. Wer jetzt handelt, hat Zeit für ein kontrolliertes, schrittweises Vorgehen. Wer wartet, wird später unter Zeitdruck und möglicherweise unter regulatorischem Druck migrieren müssen.
Bildquelle: Pexels / Lukas (pexels.com/photo/1089438) – Symbolbild: Code und digitale Sicherheit
Quellen
- NIST: FIPS 203, 204, 205 – Post-Quantum Cryptography Standards (August 2024)
- BSI: Technische Richtlinie Kryptographische Verfahren TR-02102
- CISA / NSA: CNSA 2.0 Cybersecurity Advisory
- Google Security Blog: Post-quantum cryptography in Chrome and TLS
- Cloudflare Blog: How Cloudflare is approaching post-quantum cryptography